MOTOR KLASSIC
9/2000
Pages 138 & 139
Report by Hans-Jörg GôTZL



Spiel ohne Grenzen

Der alte Schwede kann es noch. Und es macht ihm immer noch jede Menge Spaß: Nach der technischen Abnahme in Liège beschleunigt Eric Carlsson den roten Saab 96 beim eigentlichen Start im Park von Spa derart vehement über die Startlinie, dass die Zuschauer in einer kräftigen Wolke aus Staub und verbranntem Zweitakt-Öl zurückbleiben. Unter infernalischem Kreischer des Dreizylinders verschwindet der 72-Jährige zusammen mit seinem alten Weggefährten Gunnar Palm im Gassengewirr des belgischen Kurortes und nimmt Kurs auf die Ardennen.

“Schön, wieder hier zu fahren und Bekannte zu treffen”, meint Carlsson im Etappenziel Amneville. Im Unterschied zu anderen Rallyes, an denen der Schwager von Stirling Moss üblicherweise teilnimmt, handelt es sich bei Liège-Rome-Liège für Carlsson indes eher um eine Zeitreise: 1963 und 1964 gelangte er hier jeweils auf den zweiten Platz. “Und zwar genau mit diesem Auto und auch mit demselben Beifahrer", erzählt er und deutet auf den bereits leicht staubigen Saab.

Die beiden zweiten Plätze bedeuten Carlsson mehr als jeder andere Erfolg seiner Karriere, einschließlich des Siegs bei der Rallye Monte Carlo 1963 - ebenfalls auf dem roten Saab. “Das Beste, was ich je zustande gebracht habe", meint er.

Rallye-Kenner nicken hier beifällig. Schlieißlich galt die seit 1931 unter dem Oberbegriff Marathon de la Route ausgeschriebene Jagd quer durch halb Europa vor allem in den Fünfzigern und Sechzigern als eine der härtesten Prüfungen für Mensch und Material. “Es war die Königin der Rallyes", sagt Paul Ernst Strähle mit leuchtenden Augen, als er am Ende der zweiten Etappe in Oberstdorf die Pokale für die Tagesbesten verteilt.

Dreimal gewann der Schorndorfer bei Liège-Rome-Liège den Klassensieg, 1959 konnte sich der Porsche-Pilot zusammen mit dem Franzosen Robert Buchet in die Siegerliste eintragen. “Damals ging es in vier Tagen und Nächten über mehr als 5000 Kilometer", erinnert sich der 72-Jährige. Pausen gab es keine, geschlafen wurde abwechselnd. Besonders boshaft: Bei den Zeitkontrollen alle 60 bis 70 Kilometer mussten immer beide Fahrer aussteigen und unterschreiben. “In der vierten Nacht wussten manche gar nicht mehr, wo sie waren", erzählt Strähle.

Ganz so gnadenlos geht es bei der heutigen Version von Liège-Rome-Liège nicht zu. 1991 hat der der Belgier Alain Defalle den 20 Jahre zuvor beendeten Marathon als Oldtimerveranstaltung neu belebt, wobei der Grundstein für seine Begeisterung in früher Jugend gelegt wurde. “Als ich klein war, parkten die Rallye-Autos direkt vor dem Haus meiner Eltern", sagt der 48-Jahrige.

Bei der Neuauflage versucht Defalle den Spagat zwischen verschiedenen Interessen. “Ich möchte, dass ein extrem sportlicher Fahrer ebenso auf seine Kosten kommt wie ein unerfahrener Neuling", erklärt er. Der schwierige Drahtseilakt ist Defalle gelungen, wobei die perfekte Organisation nicht unerheblich zu den zufriedenen Mienen der Teilnehmer beiträgt.

Wer etwa nach dem Start in Spa und der Durchquerung von Ardennen, Vogesen, bayerischen und österreichischen Alpen im Etappenziel Cortina d'Ampezzo meint, er könne sich entspannt zurücklehnen, sieht sich ab dem vierten Tag eines Besseren belehrt: In den Dolomiten auf dem Weg nach Madonna di Campiglio beginnt die Königsetappe mit zahllosen Pässen und gnadenlosen Vorgabezeiten. “Da ist mir zeitweise einfach die Spucke weggeblieben", sagt Austin-Healey Sprite Copilot Michael Emer.
Mehr als einmal sind die Sollzeiten trotz scharfer Fahrweise und der Eskorte einer zwölfköpfigen, Mille Miglia-erprobten Truppe von Motorradpolizisten von keinem zu schaffen. Auch auf dem Weg nach Florenz und zum Ziel in den römischen Stadtteil Bagni di Tivoli wird es oftmals eng.

Dass man dennoch als Neuling erfolgreich sein kann, beweist - wenn auch nach Ausfall eines bis dato führenden TR3-Teams - der Sieg des belgischen Paars Stephan und Alexia Schrauwen auf Austin-Healey 3000: Für Copilotin Alexia ist es die erste Rallye dieser Art.

Und Eric Carlsson? Der Saab-Fahrer muss sein Gefährt am letzten Tag mit Motorschaden abstellen - zu dem Zeitpunkt liegt er auf dem zweiten Platz. Er kann es noch, der alte Schwede.

But the Liege Rome Liege is an Adventure.

A true monument of motor sport, the Liege Rome Liege rally was a fantastic human and engineering adventure and still is today. Keeping to an average speed of between 45 and 50 k.p.h. on mountain roads, both when ascending and descending these famous high passes, demands patience, concentration, skill and harmonious teamwork.








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